Zwischen Rekordaufträgen und dem Erwachsenwerden
Die Ausgangslage nach dem historischen Boom
Was im Februar 2022 mit Putins Angriff auf die Ukraine begann, hat die deutsche Rüstungsindustrie in weniger als vier Jahren fundamental verwandelt. Aus einem Sektor, der jahrzehntelang als sicherheitspolitisch lästiges Erbe des Kalten Krieges galt, ist eine der strategischsten Anlageklassen Europas geworden, mit einer hervorragenden Performance über mehrere Jahre. Doch ist diese erste Phase mittlerweile vorbei. Was jetzt beginnt, ist komplizierter, aber in vielerlei Hinsicht substanzieller: die Phase der operativen Umsetzung.
Die fiskalischen Grundlagen sind so robust wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Deutschland investiert 2026 insgesamt 108 Milliarden Euro in die Verteidigung. 82,7 Milliarden kommen aus dem regulären Haushalt, der Rest aus dem Sondervermögen. Für 2027 sind bereits 105,8 Milliarden im Kernhaushalt verankert, was einer NATO-Quote von rund 3,1 % des BIP entspricht. Bis 2029 soll Deutschland das neue NATO-Ziel von 3,5 % erfüllen, was sechs Jahre früher als ursprünglich gefordert ist. Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag haben sich die Bündnispartner zudem verpflichtet, bis 2035 insgesamt fünf Prozent des BIP für Verteidigung und militärisch relevante Infrastruktur aufzuwenden. Für die kapitalmarktnotierten deutschen Rüstungsunternehmen bedeutet das: Die Nachfragekurve zeigt mindestens bis Mitte der 2030er-Jahre steil nach oben — ein in der Industriegeschichte seltenes Maß an Planungssicherheit.
Rheinmetall:
Europas größte Rüstungsmaschine läuft heiß
Kein Unternehmen verkörpert die Zeitenwende so vollständig wie Rheinmetall. Der Düsseldorfer Konzern, der vor 2022 noch als träger Automobilzulieferer mit Rüstungsanteil galt, ist heute das industrielle Epizentrum der europäischen Aufrüstung. Für 2026 erwartet das Management einen Umsatz von 14,0 bis 14,5 Milliarden Euro und eine operative Marge von 19 %. Dies entspricht einem Sprung von über 40 % gegenüber dem Vorjahr. Bis 2027 soll der Umsatz auf rund 20 Milliarden Euro steigen, und Vorstandschef Armin Papperger sieht ein langfristiges Auftragspotenzial von 300 bis 400 Milliarden Euro bis 2030. Der Auftragsbestand kletterte auf 73 Milliarden Euro, mit dem erklärten Ziel, diesen bis Jahresende auf 135 Milliarden Euro auszubauen.
Rheinmetall baut ein paneuropäisches Produktionsnetzwerk auf, wodurch neue Werke in Polen, Litauen und der Ukraine entstehen. Dennoch ist das Bild nicht ohne Schatten: Trotz Rekordaufträgen verlor die Rheinmetall-Aktie im Zeitraum von Anfang 2026 bis Mai 2026 rund 38 %. Das ist ein Warnzeichen dafür, dass der Markt bereits hohe Erwartungen eingepreist hatte und begann, die Umsetzungsrisiken neu zu gewichten.
Hensoldt: Das Übergangsjahr als Einstiegsgelegenheit?
Hensoldt ist in der Verteidigungselektronik unverzichtbar, denn Radar-, Aufklärungs- und Drohnenabwehrsysteme sind im modernen Gefecht entscheidend, und das Unternehmen ist hier einer der wenigen europäischen Anbieter mit echter Eigenentwicklungskompetenz. Dennoch kämpft Hensoldt 2026 mit dem Image eines Wertes, der hinter den Erwartungen zurückbleibt. Für das laufende Jahr prognostiziert das Management lediglich rund 10 % Umsatzwachstum auf 2,75 Milliarden Euro — deutlich unter dem Analystenkonsens von 2,9 Milliarden. Das liegt an langen Entwicklungsvorlaufzeiten bei komplexen Sensorsystemen und zeitlichen Verschiebungen bei Großprojekten. Dass der Q1-Auftragseingang 2026 mit 1,483 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch ausfiel wie im Vorjahresquartal, zeigt jedoch, dass das Geschäftsmodell fundamental intakt ist. Analysten sehen 2026 als notwendiges Übergangsjahr. Für 2027 werden Umsätze von 3,2 Milliarden Euro und deutlich steigende Margen erwartet, getragen von laufenden Programmlieferungen im Radar- und Drohnenabwehrbereich. Ganz offensichtlich ist bei Hensoldt also Geduld gefragt.
RENK Group: Der stille Profiteur mit soliden Zahlen
Weniger im Rampenlicht, aber operativ stark: Die RENK Group aus Augsburg, Spezialist für Panzergetriebe, Antriebssysteme und Marinepropulsion, meldete im ersten Quartal 2026 mit 582 Millionen Euro Auftragseingang den besten Jahresauftakt der Unternehmensgeschichte. Das Jahresumsatzziel von mehr als 1,5 Milliarden Euro wurde bestätigt. RENK profitiert dabei doppelt: als direkter Zulieferer der Panzerindustrie und als indirekter Nutznießer des KNDS-Booms. Als Schwäche könnte allerdings die fehlende Präsenz im Bereich Rüstungselektronik relevant sein.
TKMS: Der Marine-Newcomer mit Premiumstart
Wenig beachtet, aber bemerkenswert: TKMS (Thyssenkrupp Marine Systems) ist seit dem 20. Oktober 2025 als eigenständiges börsennotiertes Unternehmen an der Börse notiert. Der Spinoff verlief spektakulär: Den Thyssenkrupp-Aktionären wurden 49 % der Aktien automatisch ins Depot gebucht, 51 % verblieben beim Mutterkonzern. Bereits am ersten Handelstag erreichte die Aktie ein Rekordhoch von über 107 Euro. Der rasante Kursaufschwung, gefolgt von einer Konsolidierung, ist ein klassisches Post-IPO-Muster. TKMS trägt die Stärken des deutschen Marineschiffbaus: Auf der ersten ordentlichen Hauptversammlung im Februar 2026 unterstrich das Management die Wachstumsstrategie mit einem prall gefüllten Auftragsbuch und kündigte Dividendenzahlungen an. Das U-Boot-Segment ist strukturell hervorragend als NATO-Partner positioniert, wie es weltweit nur wenige Werften bieten können.
KNDS: Europas Panzermacht kommt an die Börse
Das mit Abstand bedeutendste Kapitalmarktereignis in der deutschen Rüstungsbranche ist der Doppel-IPO des deutsch-französischen Panzerbauers KNDS. Das Unternehmen ist Hersteller des Leopard 2 und des CAESAR-Systems. Der für Mitte 2026 in Frankfurt und Paris geplante Börsengang soll bis zu fünf Milliarden Euro einbringen, bei einer Gesamtbewertung von rund 20 Milliarden Euro. Die KfW erwirbt als staatliche Treuhänderin vorab 40 % der Anteile zum IPO-Preis, nur 20 % werden an freie Anleger platziert. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zwischenzeitlich auf einen Aufschub gedrängt, aber CEO Jean-Paul Alary widersetzte sich dem politischen Druck und hielt am Zeitplan fest. Die Nachfrage ist unbestritten: Bereits über 400 Bestellungen des neu vorgestellten Leopard 2 aus sechs Ländern liegen vor, und mit dem Bundeswehr-Auftrag über 1.000 Leopard und 2.500 Boxer im Volumen von 25 Milliarden Euro liegt eine der größten deutschen Beschaffungsmaßnahmen der Nachkriegsgeschichte auf dem Tisch.
Für den Wettbewerb im Sektor ist KNDS ein Wendepunkt. Rheinmetall, das 2018 noch ernsthaft versucht hatte, eine Beteiligung an Krauss-Maffei Wegmann zu erwerben, steht nun einem eigenständig börsennotierten, staatlich flankierten Rivalen gegenüber. Beide Konzerne buhlen um Leopard-Folgeaufträge, beide sind bei der Studie für den Kampfpanzer der nächsten Generation (zusammen mit Hensoldt) gesetzt. Mittelfristig ist eine Intensivierung des Wettbewerbs bei Großausschreibungen unvermeidlich, was den Auftraggeber Bundeswehr in eine komfortable Verhandlungsposition bringt, für Anleger aber bedeutet, dass Preismacht und Margen künftig unter stärkerem Druck stehen könnten.
Rivalen, Partner, Konkurrenten: Das industrielle Kräftefeld
Die wichtigste strukturelle Neuerung an der deutschen Verteidigungsbörse ist nicht eine Einzelaktie, sondern eine tektonische Verschiebung der Wettbewerbsordnung: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stehen sich mit TKMS, KNDS und Rheinmetall drei vollwertig kapitalmarktnotierte deutsche Rüstungskonzerne gegenüber. Sie benötigen mit überlappenden Produktfeldern, gemeinsamen Auftraggebern und einer Verflechtungslogik, die klassische Markttrennlinien regelmäßig verwischt, eine genauere Analyse.
Das Verhältnis zwischen KNDS und Rheinmetall ist das komplexeste im gesamten deutschen Sektor und lässt sich am treffendsten mit dem Begriff „Co-opetition" beschreiben. Beide Konzerne kooperieren, wo es politisch und technisch unumgänglich ist, und konkurrieren erbittert, wo es die Auftragslage erlaubt. Das Bundeskartellamt genehmigte im Dezember 2025 die Erweiterung eines gemeinsamen Gemeinschaftsunternehmens für die Entwicklung des Kampfpanzers der nächsten Generation — einer der wichtigsten rüstungspolitischen Entscheidungen der Legislaturperiode. Gleichzeitig liefert Rheinmetall seit Jahrzehnten die 120-mm-Kanone für den Leopard 2, dessen Generalauftragnehmer KNDS ist. Es ist eine Abhängigkeit, die beide Seiten aus strategischen Gründen bisher nicht aufgelöst haben. Doch mit dem KNDS-Börsengang ändert sich die Machtarithmetik: KNDS meldete zuletzt ein Auftragswachstum von 130 % auf 15,7 Milliarden Euro und setzte damit seinen Konkurrenten Rheinmetall, dessen Aufträge im gleichen Zeitraum „nur" um 44 % wuchsen, erstmals deutlich unter Druck. Das ist eine unmissverständliche Kampfansage an den DAX-Konzern.
Noch schärfer ist die Rivalität dort, wo die Produktfelder unmittelbar kollidieren. KNDS baut Kampfpanzer, gepanzerte Fahrzeuge, Artilleriesysteme und Militärbrücken; Rheinmetall produziert Radpanzer, Schützenpanzer, Munition und militärische Fahrzeuge. Bei der Beschaffung der Bundeswehr über 1.000 Leopard 2 und 2.500 Boxer — einem Auftrag im Volumen von 25 Milliarden Euro — haben beide Konzerne ihre Rollen klar verteilt: KNDS als Generalauftragnehmer für den Leopard, Rheinmetall für den Radpanzer Boxer. Bei künftigen Ausschreibungen, die noch nicht vergeben sind, wird diese Aufgabenteilung weniger selbstverständlich sein. Investoren sollten daher damit rechnen, dass die Margenpolitik beider Unternehmen in wettbewerbsintensiveren Ausschreibungsverfahren stärker unter Druck geraten könnte, als die aktuellen Prognosen suggerieren.
TKMS hingegen kämpft in einem völlig eigenständigen Produktfeld und doch ist das Wort „eigenständig" auch hier nicht vollständig zutreffend. Der Marineschiffbauer baut U-Boote, Fregatten und Korvetten; sein direktes Auftragsfeld überlappt sich mit KNDS kaum, mit Rheinmetall gar nicht. Die wirkliche Konkurrenzdimension für TKMS spielt sich auf internationalen Märkten ab: In Australien unterlag man im August 2025 einem milliardenschweren Fregattenauftrag gegen Mitsubishi Heavy Industries. Im bedeutenderen Rennen um zwölf konventionelle U-Boote für Kanada fällt in den nächsten Wochen eine Entscheidung, wobei TKMS gegen den südkoreanischen Rüstungskonzern Hanwha Ocean antritt. Für TKMS wäre dieser Auftrag transformativ: Er würde den Konzern schlagartig zu einem der weltweit führenden Marineschiffbauer machen.
Besonders brisant ist die Lage beim deutschen Fregattenbauprojekt F126. Hier prallen industriepolitische und haushalterische Interessen auf mehreren Ebenen aufeinander. Der ursprünglich an die niederländische Werft Damen vergebene Auftrag über vier Fregatten im Wert von rund fünf Milliarden Euro hat sich zur Daueraffäre entwickelt: Zeitplanverzögerungen, Softwareprobleme und die Finanzschwäche von Damen haben den Bundesverteidigungsminister dazu bewogen, einen Schlussstrich zu ziehen. Der Plan B heißt: TKMS. Der Konzern hat bereits im Januar 2026 einen Vorvertrag für vier Fregatten des Typs MEKO A-200 DEU unterzeichnet, der im März 2026 auf 250 Millionen Euro erweitert wurde und eine Auslieferung der ersten Einheit bis Ende 2029 vorsieht. Der Kaufpreis pro Schiff liegt bei einer Milliarde Euro — bei acht Schiffen also ein Rahmenauftrag von acht Milliarden Euro oder mehr, der TKMS schlagartig zum dominanten Anbieter im europäischen Überwasserschiffbau machen würde.
Für die F127-Luftverteidigungsfregatte — acht Einheiten für die Deutsche Marine, die über das Jahr 2030 hinaus ausgeschrieben werden — ist TKMS mit seiner MEKO A-400 AMD sogar der einzige derzeit qualifizierte Bieter. Das ist eine industriepolitische Monopolstellung, die in ihrer strategischen Bedeutung kaum zu überschätzen ist: Wer der einzige Anbieter für ein sicherheitskritisches Waffensystem ist, verhandelt mit einer Stärke, die an den Kapitalmärkten noch nicht vollständig eingepreist scheint.
Zusammengefasst lässt sich das Wettbewerbsgefüge so beschreiben: KNDS und Rheinmetall ringen gemeinsam und gegeneinander um die europäische Landüberlegenheit, während TKMS das maritime Monopol der deutschen Rüstungsindustrie personifiziert. Der entscheidende Unterschied ist, dass TKMS bei internationalen Ausschreibungen gegen technologisch starke asiatische Wettbewerber antritt, während KNDS und Rheinmetall auf dem europäischen Kontinent kaum gleichwertige Rivalen haben. Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Differenzierung: Rheinmetall und KNDS sind Wetten auf die europäische Aufrüstungspolitik — mit hoher Sichtbarkeit und politischem Rückenwind. TKMS ist eine Wette auf globale Marine-Nachfrage, einzelne Megaaufträge und die Fähigkeit, im internationalen Wettbewerb zu bestehen — mit höherem Risiko, aber auch stärkerem Überraschungspotenzial nach oben.
Auftragseingang: Kurzfristige Dynamik, langfristige Sichtbarkeit
Kurzfristig — also im Horizont bis Ende 2027 — ist der Auftragseingang durch politische Beschlüsse weitgehend gesichert. Das Sondervermögen der Bundeswehr ist noch nicht vollständig abgerufen, das im Januar 2026 verabschiedete Bundeswehrbeschaffungsgesetz beschleunigt Vergabeverfahren erheblich, und die EU-Verteidigungsinitiative ReArm Europe mobilisiert Mittel jenseits nationaler Haushalte. Dazu kommen Großbestellungen aus osteuropäischen NATO-Staaten: Polen, Estland, Lettland und Rumänien ordern systematisch bei deutschen Herstellern — besonders für Munition, Panzerfahrzeuge und Marineausrüstung.
Fazit: Fazit zur Investmenteinschätzung: Strukturell stark, aber selektiv vorgehen
Wer heute in deutsche Verteidigungsaktien mit Horizont 2027 investiert, bewegt sich in einem Markt, der strukturell solide, aber bewertungstechnisch anspruchsvoll ist. Nach dem Boom der Aktien seit 2022 kommt nun auf den Anleger die Aufgabe zu, die Unternehmen im Detail besser zu verstehen.
Hinzu kommen psychologische Fragen, die nach einer Boomphase immer wichtig sind: Gibt es für die Aktien der Verteidigungsindustrie noch Platz in den Depots oder sind die Anleger bereits sehr hoch investiert? Ist vielleicht die Erwartungshaltung in den weiteren Kursverlauf zu hoch und bringt damit weiteres Enttäuschungspotenzial?
Fundamental gilt für alle Unternehmen im Segment, dass sie es mit einem sehr anspruchsvollen und komplizierten Auftraggeber zu tun haben. Außerdem sorgt das schnelle Hochfahren von Produktionskapazitäten möglicherweise für höhere Kosten oder gelegentlich Lieferengpässe. Sicher ist, der Aufschwung der deutschen Verteidigungsindustrie ist nicht vorbei, nur das Erwachsenwerden verläuft nicht immer gradlinig.
Foto: TKMS
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