Kai Heinrich | 25. Juni 2026 |

Der KI-Trend geht in die Breite

KI-Finger-Roboter
Inhaltsverzeichnis

 


Der KI-Trend geht in die Breite – Von Nvidia zum globalen Strukturthema

Was einst als „Nvidia-Rallye begann, hat sich zu einem breit angelegten Strukturthema entwickelt, das nahezu jede Schicht des Kapitalmarkts durchzieht. Seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 legte der S&P 500 um rund 85 % zu – künstliche Intelligenz gilt als einer der mächtigsten Kurstreiber dieser Bewegung. KI-Investitionen steuerten allein rund 1,1 Prozentpunkte zum globalen Wirtschaftswachstum bei. Das Anlageuniversum hat sich seither dramatisch verbreitert: von einem einzigen Chip-Konzern zur vollständigen Wertschöpfungskette – von der Halbleiterproduktion über Infrastruktur, Kabel und Energie bis hin zu Softwareanwendungen und europäischen Industrietiteln.

 

Phase 1: Nvidia als KI-Initialzünder

Nvidia war die unangefochtene Leitaktie des KI-Zyklus. Als führender Hersteller von GPUs für KI-Training und -Inferenz explodierte die Nachfrage nach H100- und A100-Chips. Zeitweise war Nvidia das wertvollste Unternehmen der Welt; zwischen Ende 2021 und Ende 2025 legte die Aktie um beeindruckende 534 % zu. Doch eine Aktie kann keine Erzählung dauerhaft allein tragen – und so begann sich das Spielfeld Schicht für Schicht zu verbreitern.

 

Phase 2: Die „Magnificent Seven“ – Big Tech übernimmt das Steuer

Rasch weitete sich die KI-Rallye auf die US-Megacaps aus. Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Apple, Tesla und Broadcom übertrumpfen sich mit Ankündigungen massiver KI-Investitionen. Allein Microsoft investiert rund 80 Milliarden US-Dollar in seine KI-Infrastruktur, das Projekt „Stargate überschreitet die 100-Milliarden-Dollar-Marke. Alphabet steigerte seine Marktkapitalisierung nach starken Cloud-Zahlen um 1,2 Billionen US-Dollar, Amazon um 500 Milliarden, Meta um 400 Milliarden.

 

Phase 3: Broadcom – der zweite Chip-Champion

Neben Nvidia hat sich Broadcom als zweiter dominanter Halbleitertitel etabliert. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Broadcom einen Rekordumsatz von 19,3 Milliarden US-Dollar (+29 % im Jahresvergleich) – der KI-Umsatz allein katapultierte sich auf 8,4 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 106 %. Broadcom stützt sich auf Partnerschaften mit Google (TPUs) und Anthropic. Ebenfalls stark positioniert sind AMD, Marvell und Micron (Hochleistungsspeicher HBM).

 

Phase 4: Die Halbleiter-Lieferkette als eigene Anlageklasse

ASML aus den Niederlanden – als Monopolist bei EUV-Lithografiemaschinen unverzichtbar für die globale Chipproduktion – avancierte zum wertvollsten Konzern Europas und überholte SAP. Insbesondere TSMC aus Taiwan gewann überproportional und verwies explizit auf den KI-Megatrend. In Asien profitierten Samsung und SK Hynix von der explodierenden Nachfrage nach HBM-Speicherchips.

 

Phase 5: KI-Infrastruktur – Kühlung und Rechenzentren

KI-Rechenzentren erfordern massive Mengen an Strom und hochspezialisierte Kühltechnik. Diese „stillen Gewinner" verzeichnen teils spektakuläre Kursgewinne:

 

  • Vertiv Holdings (Strom- und Wärmemanagement)
  • Comfort Systems (USA – Elektro-, Heizungs- und Klimatechnik für Datenzentren)
  • Schneider Electric, Eaton und Legrand (Energiemanagement und Gebäudetechnik)
  • Belimo (Schweiz – Spezialist für Präzisionsventile und Klimasteuerung, profitiert besonders von Flüssigkühlsystemen in Datenzentren)
  • Arista Networks (Hochgeschwindigkeits-Netzwerktechnik für KI-Cluster)

 

Auch die Projektentwickler und Eigentümer der Rechenzentren, Equinix und Digital Realty, profitieren als Rechenzentrums-REITs von Mietpreissteigerungen und globaler Flächenknappheit.

 

Phase 6: Kabel – das physische Nervensystem der KI-Infrastruktur

Dieser Bereich ist besonders unterbelichtet und birgt erhebliches Potenzial. KI-Rechenzentren benötigen Hochspannungsanschlüsse, redundante Strompfade, eigene Umspannwerke sowie gewaltige Mengen an Glasfaser- und Stromleitungen. In den USA könnten Rechenzentren bis 2030 etwa die Hälfte des gesamten zusätzlichen Strombedarfs ausmachen. Daraus ergibt sich für spezialisierte Kabelanbieter eine historische Nachfragewelle:

  • Prysmian (Italien): Weltgrößter Kabelhersteller, prognostiziert einen Anstieg des Kerngewinns um fast zwei Drittel bis 2028 – direkt getrieben durch den KI-Rechenzentrum-Boom in den USA. Prysmian profitiert doppelt: durch KI-induzierten Glasfasermangel und explodierte Glasfaserpreise in China.

  • Nexans (Frankreich): Stark positioniert bei Hochspannungskabeln und Unterseekabelverbindungen, die für die Anbindung von Rechenzentren ans Stromnetz unverzichtbar sind.

  • Sumitomo Electric (Japan): Neben Prysmian und Nexans dritter Platzhirsch bei Stromkabeln über lange Distanzen und Unterseeleitungen; angesichts weniger dominierender Anbieter sind die Margen hoch.

 

Phase 7: Energieversorger – Kernkraft und Netze als KI-Treibstoff

Der Strombedarf der KI-Revolution hat für eine völlig neue Akteursgruppe das Interesse an der Börse geweckt: klassische Energieversorger. Bis 2030 sollen weltweit 1,3 Billionen Dollar in Kraftwerke, Netze und Rechenzentren fließen.

In den USA haben Tech-Konzerne begonnen, direkte Langzeitverträge mit Energieversorgern abzuschließen, darunter sogenannte „Co-located“-Vereinbarungen, bei denen KI-Rechenzentren direkt an Kernkraftwerke angebunden werden:

  • Constellation Energy: Schloss bereits einen 20-jährigen Vertrag mit Meta zur Atomstromlieferung ab; ein weiterer Deal mit Microsoft sorgte für massive Kursgewinne.

  • Vistra Corp: Diversifiziertes Portfolio aus Kern- und Gaskraftwerken; Meta sicherte sich im Mai 2026 Strom für sein Prometheus-Rechenzentrum in Ohio.

  • Oklo und TerraPower (SMR-Entwickler): Meta unterzeichnete Kooperationsverträge mit beiden Unternehmen für die Errichtung kleiner modularer Reaktoren (SMR).

In Europa profitieren Versorger ebenfalls unmittelbar:

  • RWE: Gilt als „Green Powerhouse“ und liefert den Strom für KI-Rechenzentren in Deutschland; Analysten sehen RWE als direkten Profiteur der steigenden Rechenzentrumskapazitäten in Europa.

  • E.ON: Plant Netzinvestitionen von 48 Milliarden Euro bis 2030 – der Netzausbau wird unmittelbar durch KI-getriebene Lasterhöhungen angetrieben.

  • Iberdrola (Spanien): Erzielte einen Rekordgewinn von 6,3 Milliarden Euro; positioniert sich als wichtiger Stromlieferant für europäische Hyperscaler.

 

Phase 8: Netzinfrastruktur und Baudienstleister

Der Netzausbau erfordert spezialisierte Dienstleister, die Leitungen verlegen, Umspannwerke bauen und Rechenzentren technisch ausrüsten:

  • Quanta Services (USA): Führender Anbieter von Infrastrukturdienstleistungen für Energieversorger und Telekommunikation. Quanta profitiert vom starken Ausbau der KI-Infrastruktur und dem Boom bei Batteriespeichern.
  • Siemens Energy: Profitiert in Deutschland direkt vom Transformatoren- und Netzbedarf der KI-Infrastruktur.
  • Implenia (Schweiz): Führendes Generalunternehmen im Schweizer Rechenzentrumsbau.
  • Holcim und Sika (Schweiz): Baustoffproduzenten, die von der globalen Welle an Rechenzentrumsneubauten profitieren – Sika ist bereits in über 1.000 Rechenzentren weltweit mit Produkten vertreten.

 

Phase 9: Software, Cloud und KI-Anwendungen

Palantir Technologies sticht in der Anwendungsebene heraus. Außerdem fallen ServiceNow, Oracle und Salesforce auf. Die Unternehmen integrieren KI tief in Enterprise-Workflows. In Europa vollzieht SAP einen strategischen Wandel hin zu KI-gesteuerten Unternehmenslösungen.

 

Bewertung und Risiken im KI-Sektor

Die Bewertungsfrage bleibt zentral. Während Warren Buffett explizit vor einer sich bildenden Blase warnt, differenziert ein anderer Analyst: „Die führenden KI-Aktien sind – anders als in klassischen Spekulationsblasen – profitabel und generieren reale Cashflows.“ Entscheidend bleibt die Unterscheidung zwischen Unternehmen mit echter KI-Monetarisierung – insbesondere in den neu entdeckten Segmenten Kabel und Energie – und Titeln, die lediglich vom Stimmungsüberschwang mitgetragen werden.

 

Fazit: Vom Einzeltitel zum mehrstufigen Anlageuniversum

Die KI-Investitionsthese hat sich von einem einzigen Chiphersteller auf eine vollständige, mehrstufige Wertschöpfungskette ausgedehnt: Chips → Halbleiterausrüstung → Cloud & Hyperscaler → Infrastruktur & Kühlung → Kabel & Glasfaser → Energie & Netze → Netzdienstleister → Software & Anwendungen. Das macht KI nicht zu einem vorübergehenden Hype, sondern zu einem Strukturthema, welches sich global von den USA über Europa bis nach Asien in großer Geschwindigkeit verbreitet.

 

Mehr dazu im Podcast:

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