Kai Heinrich | 07. Mai 2026 |

Das IPO-Jahr 2026 – eine neue Dimension

Initial-Public-Offering-Schriftzug
Inhaltsverzeichnis

 


Im zweiten Halbjahr 2026 stehen drei Börsengänge bevor, die in ihrer Kombination jede historische Dimension sprengen: SpaceX, OpenAI und Anthropic. SpaceX hat die Raumfahrt industrialisiert und mit Starlink ein hochmargiges Infrastrukturgeschäft aufgebaut. OpenAI und Anthropic treiben hingegen die Kommerzialisierung generativer KI in einem nie dagewesenen Tempo voran.
Gemeinsam streben sie eine Marktkapitalisierung von annähernd 2,9 Billionen US-Dollar an. Zum Vergleich: Das gesamte US-IPO-Volumen von 2015 bis 2026 beläuft sich auf rund 470 Milliarden US-Dollar. Das Jahr 2026 markiert damit einen Wendepunkt – hinsichtlich Bewertungsmaßstäben, Kapitalströmen und Machtverhältnissen.

 

SpaceX

SpaceX reichte am 1. April 2026 eine vertrauliche Anmeldung bei der US-Börsenaufsicht SEC ein und strebt dabei eine Bewertung von 1,75 Billionen US-Dollar an. Damit würde das Unternehmen bereits zum Börsendebüt zu den zehn wertvollsten Konzernen der Welt zählen – obwohl Umsatz und Gewinn aktuell noch deutlich darunterliegen.
Zur Veranschaulichung: Die Marktkapitalisierung der derzeit börsennotierten Satelliten- und Raumfahrtunternehmen liegt bei etwa 200 bis 300 Milliarden US-Dollar. Ausgehend von einer Bewertung zwischen 1,5 und 1,7 Billionen US-Dollar würde sich SpaceX damit auf das Fünffache der gesamten Branche heben.
Der geplante Börsengang im Juni 2026 soll rund 75 Milliarden US-Dollar einbringen – mehr als das 2,5-Fache des bisherigen Rekords von Saudi Aramco aus dem Jahr 2019. Ein Emissionsvolumen dieser Größenordnung würde erhebliche Liquidität aus dem Markt ziehen und den IPO zu einem dominierenden Börsenthema machen. Der genaue Zeitpunkt dürfte daher stark vom Marktumfeld abhängen, insbesondere von der Entwicklung der Tech-Aktien und der allgemeinen Risikobereitschaft der Investoren. Das Listing hätte auch Folgen für den weltweiten Aktienindex – der US-Anteil würde weiter steigen.

 

Finanzielles Bild: Gemischt, aber mit Perspektive

2025 verzeichnete SpaceX einen Verlust von 4,94 Milliarden US-Dollar bei einem Umsatz von 18,67 Milliarden US-Dollar. Hauptursache war der Ausbau von xAI, der KI-Sparte, die inzwischen mit SpaceX zusammengeführt wurde. 2024 – noch ohne xAI – war SpaceX mit rund 791 Millionen US-Dollar profitabel.


Für 2026 wird ein Umsatz von 20 bis 24 Milliarden US-Dollar erwartet. Bei einer Bewertung von 1,75 Billionen US-Dollar entspräche dies rund dem 100-Fachen des Umsatzes. Zum Vergleich: Klassische Telekommunikationsriesen werden oft nur mit dem 8-Fachen bewertet. Wer hier investiert, setzt darauf, dass SpaceX die physische Infrastruktur für die digitale Welt von morgen kontrolliert.

Eine Besonderheit des SpaceX-IPOs: Bis zu 30 % der Aktien könnten an Privatanleger gehen – üblich sind eher fünf bis zehn Prozent. Das könnte die Nachfrage zusätzlich erhöhen, gleichzeitig aber auch die Volatilität verstärken.

 

OpenAI vs. Anthropic – Reichweite gegen Wirtschaftlichkeit

Beide Unternehmen dominieren den Markt für generative KI, unterscheiden sich jedoch fundamental hinsichtlich Geschäftsmodell, Transparenz und Profitabilität. Für Investoren ist der Vergleich nahezu unvermeidlich.

 

OpenAI: Die größte Marke – und das größte Fragezeichen

OpenAI plant seinen Börsengang für das vierte Quartal 2026 oder das erste Quartal 2027, zu einer angestrebten Bewertung von knapp unter einer Billion US-Dollar. Nach einer Finanzierungsrunde im März 2026 über 122 Milliarden Dollar liegt die Post-Money-Bewertung bei rund 852 Milliarden Dollar. Damit ist OpenAI heute das am höchsten bewertete private Technologieunternehmen der Welt.

Microsofts Beteiligung von insgesamt 13 Milliarden Dollar ist auf Basis der aktuellen Bewertung bereits rund 228 Milliarden Dollar wert – das 18-Fache des eingesetzten Kapitals. SoftBank, Amazon und Nvidia zählen ebenfalls zu den strategischen Investoren.

OpenAI verfügt über die stärkste Reichweite im KI-Markt: Rund 900 Millionen Nutzer interagieren wöchentlich aktiv mit ChatGPT – eine Reichweite, die kein Mitbewerber auch nur annähernd erreicht. Doch genau hier liegt das strukturelle Dilemma: Etwa 85 % dieser Nutzer bezahlen nichts. Die zentrale Herausforderung der Börsenstory besteht darin, ein stark auf Endkonsumenten ausgerichtetes Produkt in ein tragfähiges Enterprise-Geschäft zu überführen.

Hinzu kommt spürbarer Wettbewerbsdruck: Im Enterprise-API-Markt hat OpenAI erheblich Marktanteile verloren – von rund 50 % im Jahr 2023 auf 25 % Mitte 2025. Anthropic wuchs im gleichen Zeitraum von 12 auf 32 %.

 

Das fehlende Puzzlestück: Die Enterprise-NRR

Für die Bewertung ist eine Kennzahl entscheidend, die OpenAI bis heute nicht offengelegt hat: die Net Revenue Retention (NRR) im Enterprise-Segment. Die NRR ist im KI-Bereich von besonderer Bedeutung, da das vorherrschende Erlösmodell verbrauchsbasiert ist – Kunden zahlen pro verbrauchtem Token und nicht pro lizenziertem Arbeitsplatz. Der Token-Verbrauch steigt automatisch, wenn Unternehmenskunden auf einem Modell aufbauen. Eine einzige erfolgreiche Produkteinführung kann die Ausgaben eines Kunden rasch vervielfachen – ganz ohne zusätzliche Vertriebsmaßnahmen. Eine NRR von über 120 % gilt in der Branche als erstklassig, über 140 % als außergewöhnlich.

Anthropic liegt Schätzungen zufolge bei rund 140 %. OpenAI hat diese Kennzahl bislang nicht veröffentlicht. Aus Investorenperspektive bedeutet das: Man bewertet ein Unternehmen mit einem Multiplikator von 34x ARR, ohne die wichtigste Wachstumskennzahl zu kennen. Die S-1-Einreichung bei der SEC wird die Bewertung entweder unterstützen – oder massiv unter Druck setzen.

Interne Warnzeichen verstärken diese Unsicherheit: CFO Sarah Friar soll intern die Börsengangreife von OpenAI kritisiert und darauf hingewiesen haben, dass das Umsatzwachstum die geplanten Ausgaben nicht deckt. Das Unternehmen erwartet für 2026 einen Verlust von rund 14 Milliarden Dollar und projiziert für 2028 sogar einen Verlust von 85 Milliarden Dollar. Ein positiver Free Cashflow wird frühestens für 2029 bis 2030 erwartet.

 

Anthropic – Weniger Reichweite, klarere Story

Anthropic plant sein Listing ebenfalls für das vierte Quartal 2026, mit einer Pre-Money-Bewertung von rund 350 Milliarden Dollar, die sich nach der jüngsten Finanzierungsrunde auf bis zu 800 Milliarden Dollar erhöhen könnte.

Der entscheidende Unterschied liegt im Geschäftsmodell: 80 % der Umsätze entfallen auf Unternehmenskunden – ein Profil, das institutionelle Investoren in der Regel höher bewerten als wachstumsstarke Endkundenmodelle. Der Jahresumsatz verdoppelte sich binnen vier Monaten von 9 auf 19 Milliarden Dollar.

Anthropics Investmentthese basiert auf der Geschwindigkeit, mit der sich die Margenstruktur verbessert. Während die Bruttomarge 2025 noch bei minus 94 % lag, wird für 2026 eine Bruttomarge von rund 40 % erwartet – bis 2028 sollen es 77 % sein. Entscheidend für Investoren: Die 40-Prozent-Marke im Jahr 2026 ist das kurzfristige Bestätigungssignal. Wird sie verfehlt, stellt sich die Bewertungsfrage neu.

Die Trainingskosten sollen sich bis 2028 auf rund 30 Milliarden Dollar belaufen, während OpenAI für dasselbe Jahr Trainingsausgaben von 121 Milliarden Dollar projiziert. Anthropic rechnet mit einem positiven Free Cashflow bereits im Jahr 2027 – drei Jahre früher als OpenAI. Zur operativen Absicherung schloss Anthropic im April 2026 Vereinbarungen mit Broadcom und Google über 3,5 Gigawatt TPU-Kapazität ab 2027 ab und sichert sich damit Rechenkapazität als strategischen Engpassfaktor.

 

Kapitalrotation: Wer verkauft was?

Fondsmanager mit fixen Sektorallokationen – und das betrifft nahezu alle institutionellen Investoren – werden bestehende Tech-Positionen reduzieren müssen, um Spielraum für die neuen Emissionen zu schaffen. Das bedeutet erhöhten Verkaufsdruck auf die heutigen Schwergewichte im Technologiesektor: Microsoft, Alphabet, Meta und Amazon. Ausgerechnet die Unternehmen, die durch ihre eigenen KI-Investitionen von der Branche profitieren, könnten durch die IPO-Welle indirekt unter Kursdruck geraten.

 

Das Timing-Rennen und seine Bewertungskonsequenzen

OpenAI hofft, vor Anthropic an die Börse zu gehen – die Logik ist nachvollziehbar: Wer zuerst listet, setzt den Bewertungsmaßstab. Notiert OpenAI erfolgreich bei einer Bewertung von nahe einer Billion Dollar, stärkt das Anthropics Verhandlungsposition. Schwächelt OpenAI jedoch oder muss beim Emissionspreis nachgeben, gerät auch Anthropics Erwartungsniveau unter Druck.

Allerdings könnte Anthropic – trotz des späteren Timings – die überzeugendere Geschichte für den Kapitalmarkt erzählen: höheres ARR-Wachstum, transparentere Kennzahlen, stärkeres Enterprise-Profil und ein früherer Break-even.

 

Aufnahme in den Index

Durch die Aufnahme in einen Aktienindex können automatische Käufe in Billionenhöhe ausgelöst werden. S&P Dow Jones Indices verlangt vier aufeinanderfolgende Quartale mit Gewinn sowie mindestens zwölf Monate Handelshistorie, bevor ein Unternehmen für den S&P 500 in Betracht gezogen werden kann. Tesla ging 2010 an die Börse, wurde jedoch erst 2020 in den Index aufgenommen – nach Erreichen einer nachhaltigen Profitabilität. Einige Analysten warnen zudem, dass eine Indexaufnahme der großen Börsenneuankömmlinge die Dominanz der wenigen, aber gewichtigen Technologiewerte weiter verstärken wird.

 

Makrorahmen: Geopolitische Unsicherheit

Die Märkte, auf die diese IPOs treffen, sind im ersten Halbjahr 2026 alles andere als ruhig. Der Nahost-Konflikt hat die Energiepreise angetrieben und regionale Aktienmärkte in die Defensive gezwungen. Die Fed hält an einer abwartenden Haltung fest, während Inflationsrisiken durch höhere Ölpreise neu bewertet werden. Fiduciary Trust und iShares zeigen in ihren Marktausblicken für Q2/2026 übereinstimmend, dass klassische Diversifikationsinstrumente – Duration und Gold – im März zusammen mit Aktien verkauft wurden und damit weniger Schutz boten als historisch erwartet.

PwC fasst die institutionelle Erwartungshaltung treffend zusammen: IPO-Fenster können sich schnell öffnen und schließen. Unternehmen, die vorbereitet, flexibel und bewertungsdiszipliniert sind, werden am besten positioniert sein. Für ein Unternehmen wie Anthropic, das Angebote von 800 Milliarden Dollar ablehnt, weil es über ausreichend Kapital aus der Series-G verfügt, ist das Timing tatsächlich eine Wahlmöglichkeit – und kein Zwang. Für OpenAI könnte die Dringlichkeit dagegen höher sein.

 

Einordnung

Anthropic und OpenAI sind schnell wachsende Unternehmen mit legitimen Ansprüchen auf außergewöhnliche Bewertungen. Gleichzeitig handelt es sich um Börsengänge, bei denen zentrale Informationen fehlen, Verluste real sind und frühere Investoren bereits enorme Gewinne eingefahren haben.

Für Investoren ist die S-1-Einreichung der entscheidende Moment. Die Offenlegung der Enterprise-NRR bei OpenAI und die Bestätigung der Bruttomargenentwicklung bei Anthropic werden zeigen, ob die angestrebten Bewertungen fundamental gerechtfertigt sind – oder ob sie schlicht von der KI-Euphorie getragen werden.

Mega-IPOs zu Rekordpreisen sind in ihrer Anfangsphase erfahrungsgemäß volatil. Noch wichtiger ist, sie binden nicht nur die Aufmerksamkeit der Investoren, sie binden insbesondere sehr viel Geld. Dieses Kapital wird dem Aktienmarkt an anderer Stelle fehlen. In den letzten Jahren überwogen die Aktienrückkäufe das IPO-Volumen. 2026 kann sich dies nun umdrehen, weshalb nicht nur die einzelnen Börsengänge spannend sind, auch die Auswirkungen auf den Gesamtmarkt müssen genau beobachtet werden.

 

 

Wichtige Hinweise:

Die vorstehenden Angaben und die Darstellungen inklusive Einschätzungen (im Folgenden auch „Informationen“ genannt) wurden von der Plutos Vermögensverwaltung AG nur zu Informationszwecken erstellt. Sie stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Die Informationen stellen weder ein Angebot für den Abschluss eines Vermögensverwaltungsvertrages noch eine direkte oder indirekte Empfehlung für den Erwerb oder die Veräußerung von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar und ersetzen nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Sie dienen ausschließlich Ihrer Information und stellen weder eine persönliche Empfehlung als Teil einer Anlageberatung noch eine Anlagestrategie- und Anlageempfehlung („Finanzanalyse“) dar. Dies gilt auch dann, wenn einzelne Emittenten oder Wertpapiere erwähnt werden.

Alle Angaben wurden sorgfältig recherchiert und zusammengestellt. Die hier abgegebenen Einschätzungen wurden nach bestem Wissen und Gewissen getroffen und stammen aus oder beruhen (teilweise) auf von uns als vertrauenswürdig erachteten, aber von uns nicht überprüfbaren, allgemein zugänglichen Quellen. Die Plutos Vermögensverwaltung AG übernimmt trotz sorgfältiger Beschaffung und Bereitstellung der Informationen für die Vollständigkeit, Aktualität und Richtigkeit der gemachten Angaben und Einschätzungen keine Gewähr. Die enthaltenen Meinungsaussagen geben die aktuellen Einschätzungen der Plutos Vermögensverwaltung AG zum Zeitpunkt der Erstellung wieder, die sich jederzeit ohne vorherige Ankündigung ändern können. Diese können daher durch aktuelle Entwicklungen überholt sein oder sich ansonsten geändert haben, ohne dass die bereitgestellten Informationen, Einschätzungen, Meinungsäußerungen oder Darstellungen geändert wurden beziehungsweise werden. Bei Bedarf setzen Sie sich deshalb bitte mit uns in Verbindung.

Bitte beachten Sie: Frühere Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung. Diese Informationen inklusive Einschätzungen dürfen weder ganz noch teilweise vervielfältigt, an andere Personen weiterverteilt oder veröffentlicht werden, sofern nicht hierfür ausdrücklich durch die Plutos Vermögensverwaltung AG vorgesehen. Jede Haftung für direkte beziehungsweise indirekte Schäden oder Folgeschäden aus Handlungen, die aufgrund von Informationen vorgenommen werden, die in dieser oder einer anderen Dokumentation und/oder Publikation der Plutos Vermögensverwaltung AG enthalten sind, wird abgelehnt.       

Bei diesem Dokument handelt es sich um eine Marketingmitteilung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG).

Diversifikation reduziert das Gesamtrisiko.