Kai Heinrich | 16. April 2026 |

Wie finde ich unterbewertete Aktien?

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Inhaltsverzeichnis

 


Stellen Sie sich vor, Sie entdecken in einem Secondhand-Laden eine wertvolle Designerjacke, die mit einem Bruchteil ihres echten Wertes ausgezeichnet ist. Genau dieses Prinzip steckt hinter dem Kauf unterbewerteter Aktien: Man kauft etwas, das der Markt gerade zu günstig bewertet – und wartet geduldig, bis der wahre Wert von allen erkannt wird. Diese Strategie nennt sich Value Investing – zu Deutsch „wertorientiertes Investieren" – und wurde von Börsenlegende Benjamin Graham in den 1930er Jahren begründet. Sein berühmtester Schüler, Warren Buffett, machte sie zur erfolgreichsten Anlagestrategie der Geschichte.

 

Was bedeutet „unterbewertet" überhaupt?

Jedes Unternehmen hat einen sogenannten inneren Wert (englisch: „Intrinsic Value"). Damit ist gemeint: Was wäre dieses Unternehmen wirklich wert, wenn man es nüchtern und sachlich bewertet – unabhängig davon, was die Börse gerade dafür bezahlen würde? An der Börse schwanken Kurse täglich aufgrund von Emotionen, schlechten Nachrichten, Panik oder schlicht Unwissenheit der Marktteilnehmer. Dadurch kann es passieren, dass der Aktienkurs eines grundsoliden Unternehmens deutlich unter seinem inneren Wert liegt. Wer das erkennt und entsprechend handelt, hat einen echten Vorteil gegenüber dem breiten Markt.

 

Die wichtigsten Kennzahlen – und was sie wirklich bedeuten

Um unterbewertete Aktien aufzuspüren, braucht man kein Finanzstudium – aber einige Grundbegriffe helfen enorm:

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Diese Kennzahl setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum jährlichen Gewinn des Unternehmens je Aktie. Ein KGV von 10 bedeutet beispielsweise: Würde das Unternehmen seinen gesamten Gewinn als Dividende ausschütten, hätte man seinen Einsatz in 10 Jahren wieder heraus. Ein niedriges KGV im Vergleich zu ähnlichen Unternehmen derselben Branche kann ein Zeichen für Unterbewertung sein – muss es aber nicht (dazu später mehr).

Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV): Der „Buchwert" eines Unternehmens ist das, was bilanziell übrigbliebe, wenn man alle Schulden von allen Vermögenswerten abzöge – also das reine Eigenkapital. Liegt das KBV unter 1, kostet die Aktie an der Börse weniger als das Unternehmen auf dem Papier wert ist. Das ist, als würde man einen Euro für 80 Cent kaufen.

PEG-Ratio: Diese Kennzahl verfeinert das KGV, indem sie das Wachstum des Unternehmens einbezieht. Ein Unternehmen mit hohem KGV kann trotzdem günstig sein, wenn es stark wächst. Liegt die PEG-Ratio unter 1, bedeutet das vereinfacht: Man zahlt weniger für das Wachstum, als es eigentlich wert ist.

Dividendenrendite: Die Dividende ist der Anteil des Gewinns, den ein Unternehmen direkt an seine Aktionäre ausschüttet. Die Dividendenrendite gibt an, wie viel Prozent des investierten Betrages man jährlich als Ausschüttung zurückerhält. Eine überdurchschnittlich hohe Dividendenrendite entsteht oft dann, wenn der Aktienkurs gefallen ist – was wiederum auf eine günstige Bewertung hindeuten kann.

Verschuldungsgrad: Dieser Wert zeigt, wie stark ein Unternehmen auf Schulden angewiesen ist. Hohe Schulden können erklären, warum eine Aktie günstig erscheint – sie können aber auch ein ernstes Warnsignal sein. Daher lohnt immer ein genauer Blick auf die Bilanz.

 

Das DCF-Modell – der innere Wert unter der Lupe 

Wer tiefer einsteigen möchte, kommt am Discounted-Cashflow-Modell (DCF) nicht vorbei. „Cashflow" bedeutet dabei schlicht: der tatsächliche Geldfluss, den ein Unternehmen erwirtschaftet – also nicht nur der bilanzielle Gewinn, sondern das echte Geld, das in die Kasse fließt. Beim DCF-Modell schätzt man, wie viel Geld ein Unternehmen in den nächsten Jahren verdienen wird, und rechnet diesen zukünftigen Gewinn auf den heutigen Wert zurück – denn 100 Euro in zehn Jahren sind heute weniger wert als 100 Euro auf der Hand. Dieser Umrechnungsschritt nennt sich „Diskontierung". Liegt der so errechnete Wert über dem aktuellen Börsenkurs, gilt die Aktie als unterbewertet.

 

Nicht alles, was billig wirkt, ist auch günstig

Hier lauert eine häufige Falle, die Profis als „Value Trap" bezeichnen – zu Deutsch: eine Bewertungsfalle. Eine Aktie kann aus gutem Grund einen niedrigen Kurs haben: weil das Geschäftsmodell veraltet ist, das Management versagt, die Branche im Strukturwandel steckt oder das Unternehmen mit erdrückenden Schulden kämpft. Ein klassisches Beispiel sind Kaufhäuser, die über Jahre günstig bewertet wirkten – aber schlicht wegen des Onlinehandels langfristig an Bedeutung verloren.

Deshalb sind neben den Zahlen auch qualitative Faktoren entscheidend: Ist das Geschäftsmodell verständlich und nachhaltig? Hat das Unternehmen einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil – einen sogenannten „Moat" (englisch für Burggraben)? Dieser Begriff beschreibt alles, was ein Unternehmen davor schützt, dass Konkurrenten ihm einfach das Geschäft wegnehmen – etwa eine starke Marke, Patente, Netzwerkeffekte oder hohe Wechselkosten für Kunden. Und schließlich: Ist das Management vertrauenswürdig, kompetent und handelt es im Sinne der Aktionäre?

 

Praktische Werkzeuge für den Einstieg

Man muss nicht stundenlang Geschäftsberichte wälzen, um loszulegen. Aktien-Screener sind digitale Filter-Werkzeuge, mit denen man aus Tausenden von Aktien diejenigen heraussuchen kann, die bestimmte Kriterien erfüllen – zum Beispiel: „alle Aktien mit einem KGV unter 12 und einer Dividendenrendite über 4 %". Bekannte und kostenlose Screener sind TIKR, Finviz oder der deutsche Aktienfinder.

Selbst erfahrene Investoren schauen zudem regelmäßig nach, welche Aktien bekannte Value-Investoren wie Warren Buffett zuletzt erworben haben. In den USA sind große Fondsgesellschaften gesetzlich verpflichtet, ihre Portfolios vierteljährlich in sogenannten „13F-Reports“ offenzulegen. Diese Berichte sind öffentlich zugänglich und liefern wertvolle Orientierung – wobei man bedenken sollte, dass die Daten mit einigen Wochen Verzögerung erscheinen.

 

Geduld ist die wichtigste Zutat

Value Investing ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Der Markt kann eine Aktie über Monate oder sogar Jahre falsch bewerten – gerade weil kurzfristiges Denken an der Börse dominiert. Wer eine solide Analyse gemacht hat und von seiner Einschätzung überzeugt ist, braucht vor allem eines: Geduld und die Nerven, auch in turbulenten Phasen ruhig zu bleiben. Warren Buffett brachte es einmal treffend auf den Punkt: „Der Aktienmarkt ist ein Instrument, um Geld von den Ungeduldigen zu den Geduldigen zu transferieren."

Wer sich tiefer einlesen möchte, findet hier wichtige Grundlagenliteratur zum Thema:

Werk

Autor(en)

Kerninhalt

Security Analysis (1934)

Benjamin Graham & David Dodd

Das Grundlagenwerk des Value Investings – Bewertung nach innerem Wert

The Intelligent Investor (1949)

Benjamin Graham

Klassiker zu Value-Strategien und der „Margin of Safety"

Common Stocks and Uncommon Profits (1958)

Philip A. Fisher

Die Bedeutung qualitativer Faktoren bei der Unternehmensbewertung

Contrarian Investment, Extrapolation and Risk (1994)

Lakonishok, Shleifer & Vishny

Empirische Studie zur Überrendite von Value-Aktien, Journal of Finance

Value Versus Growth: The International Evidence (1998)

Fama & French

Weltweiter empirischer Nachweis der Value-Prämie, Journal of Finance

The Little Book of Value Investing (2006)

Christopher H. Browne

Praxisorientierter Leitfaden zur Aktienauswahl

Margin of Safety (1991)

Seth A. Klarman

Deep-Value-Strategien und konsequentes Risikomanagement

Valuation: Measuring and Managing the Value of Companies

McKinsey & Company / Koller, Goedhart, Wessels

Standardwerk zur DCF-Bewertung in Wissenschaft und Praxis

Inefficient Markets (2000)

Andrei Shleifer

Marktineffizienzen und Erkenntnisse aus der Behavioral Finance

Residual Income Valuation (1995)

James Ohlson

Das Residualgewinnmodell, Contemporary Accounting Research

 

 

 

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