Gefährliche Emotionen: So beeinflussen Gefühle unser Investitionsverhalten

Verfasst von Michael Scholtis | 1. Juli 2019

Das erfolgreiche erste Börsenhalbjahr 2019 hat wieder einmal gezeigt, dass es nicht ratsam ist, sich beim Investieren von seinen Gefühlen leiten zu lassen. Wer sich beim Börseneinbruch im Dezember 2018 von der Panik am Markt anstecken ließ und seine Aktien verkauft hat, musste bei der dann folgenden Erholungsbewegung vom Spielfeldrand zusehen. Wie sich Gefühle auf das Anlageverhalten auswirken und wie welche unwirtschaftlichen Verhaltensweisen daraus resultieren, wird in der „Behavioral Finance“ oder Verhaltensökonomie  erforscht. Lange war man in der traditionellen Volkswirtschaft der Meinung, alle Marktteilnehmer handelten rational und ausschließlich zu ihrem eigenen Nutzen – und übertrug dieses Denken auch auf die Finanzmärkte.

Die Wissenschaft belegt, dass der Mensch oft nicht logisch und dadurch oftmals alles andere als wirtschaftlich handelt und der so genannte „homo oeconomius“ nicht existiert. Gefühle spielen auch an der Börse eine große Rolle. Sie verleiten zu irrationalem Verhalten, oftmals ohne, dass die Handelnden es überhaupt bemerken. Als Vermögensverwalter müssen wir unser Investitionsverhalten kontinuierlich hinterfragen, um nicht selbst unbewusst in psychologische Fallen zu tappen. Manchmal verhält sich aber auch der gesamte Kapitalmarkt irrational und man sieht sich mit seiner „eigentlich rationalen“ Sichtweise allein auf weiter Flur, zum Beispiel beim VW/Porsche Hype 2008 – oder werfen Sie nur mal einen Blick auf den viel zu niedrigen Goldpreis. Zum Glück sind diese Ungleichgewichte meist nicht von langer Dauer und mit ein wenig Geduld findet sich das Gleichgewicht wieder.

Wie sich die drei Gefühle Liebe, Angst und Neid auf das Anlageverhalten auswirken können und wie Sie psychologischen Fallen entgehen, lesen Sie in diesem Beitrag.

Liebe

Wir verlieben uns in unser Eigentum, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir ein Gut erstmal besitzen, neigen wir dazu, es wertvoller einzuschätzen als vorher. Das Phänomen ist als Endowment-Effekt (Besitztums-Effekt) bekannt. Vielleicht haben Sie ja auch ein paar Aktien im Depot, die Sie einfach nicht hergeben wollen? Dann hinterfragen Sie doch einmal ganz genau, ob diese Liebe wirklich rational begründet ist. Denn auch die schönste aller Emotion kann beim Investieren gefährlich sein. Durch die rosarote Brille bewerten wir unsere Geldanlagen subjektiv, und harte Fakten wie die aktuelle Unternehmensentwicklung und die zukünftigen Gewinnaussichten können dann unberücksichtigt bleiben oder unbewusst ausgeblendet werden. Das kann leicht zu unwirtschaftlichem Verhalten führen, zum Beispiel dazu, dass wir Verluste vor uns herschieben, die wir mit einer anderen Aktie viel schneller aufholen könnten.

Hier kann ein Anleger-Tagebuch helfen. Schreiben Sie regelmäßig auf, warum Sie eine Anlage erwerben, halten oder verkaufen wollen. Das kommt Ihnen bekannt vor? Genau, auch Analysten gehen so vor und nehmen Aktien regelmäßig unter die Lupe. Lassen Sie sich vor allem nicht bei der Entscheidung zum Kauf oder Verkauf hetzen. Wenn Sie nicht gerade ein Trader sind, bleibt Ihnen genug Zeit, die Entscheidung noch einmal zu überschlafen.

Angst

Angst ist eine der tiefgehendsten Emotionen und kann zu vielen verschiedenen irrationalen Verhaltensweisen führen: Zum Beispiel die Angst vor der Einsamkeit, die uns lieber dem Mainstream folgen lässt, statt unserer eigenen Überzeugung. Herdentrieb nennt man dieses Phänomen in der Verhaltensökonomie. Wir verkaufen, wenn die Kurse ins Rutschen kommen, statt beherzt zuzugreifen. Denn wenn alle anderen panisch verkaufen, muss das ja berechtigt sein… Oder? Wenn dann wieder alle einsteigen, kauft man nicht selten zu einem höheren Preis zurück und hat unnötige Verluste eingefahren. Angst vor dem Scheitern lässt uns Risiken intensiver fühlen als Chancen. Beim Investieren bewerten wir das Verhältnis von Verlustrisiko zu Gewinnchance dann nicht mehr objektiv, das führt zur irrationalen Risiko- oder Verlustaversion. Wie wäre es sonst zu erklären, dass in Zeiten eines fragilen, notenbankgestützten Bankensystems Sparer zu einem Nullzins den Verlust ihrer Gesamteinlagen in Kauf nehmen und Aktien trotz ihres Sachwertcharakters und attraktiver Dividendenrenditen meiden? Oder nehmen wir die Angst vor Veränderung. Weil Menschen lieber an Altbewährtem festhalten, statt neue Erkenntnisse anzunehmen und ihre Meinung zu revidieren, folgen sie lieber vertrauten Verhaltensmustern statt mit der Zeit zu gehen. Der so genannte Status-Quo-Effekt ist schuld, dass nicht wenige Anleger wichtige Wirtschaftstrends verschlafen. Ein Fehler, denn an der Börse werden die höchsten Gewinne mit Aktien erzielt, die sich in frühen Phasen ihrer Entwicklung befinden.

Werfen Sie mal einen Blick auf den „Fear and Greed Index“, den die CNN täglich veröffentlicht. Das Stimmungsbarometer für die Börse berechnet aus verschiedenen Parametern, ob am Markt gerade Gier oder Angst vorherrscht und kann dabei helfen, antizyklische Kaufzeitpunkte zu finden.

Neid

Für Investmentikone Charlie Munger ist Neid die größte psychologische Falle beim Anlegen. Während wir andere um ihre Erfolge beneiden, laufen wir Gefahr es ihnen gleichzutun ohne dabei unsere eigenen Bedürfnisse und Überzeugungen zu beachten. Unter dem Einfluss dieses Gefühls können äußere Stimuli, die grundsätzlich positiv sein können, zu Fremdbestimmung und unreflektiertem Verhalten führen. Haben Sie auch gehört, dass Thomas Gottschalk so große Gewinne mit Bitcoins macht – und Sie selbst bisher nicht an dem neuen Trend teilhaben? Dann wird es doch höchste Zeit auch zu investieren – oder? Wenn Anleger es Anderen blind aus purem Neid gleichmachen, neigen sie dazu übereilt zu Handeln und Risiken außer Acht zu lassen. Möglicherweise passt der Papiergeldersatz mit seinen hohen und unkalkulierbaren Schwankungen ja weder in die Ihre Anlagephilosophie noch zu Ihrer Risikoneigung?

Damit es kein böses Erwachen gibt, sollten Anleger ihren persönlichen Anlagetyp kennen. Hinterfragen Sie bei jedem Investment, ob dieses Ihrer Risikoneigung entspricht und in Ihre Anlagestrategie passt. Besonders, wenn die Renditechancen überdurchschnittlich hoch sind, könnte es sein, dass auch die Risiken höher sind, als es auf den ersten Moment den Anschein macht.

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