Von der Angst nicht dabei zu sein

Verfasst von Michael Scholtis | 25. November 2019

Die Rekordrallye an der Wall Street geht weiter und bringt Anleger in Zugzwang. In der vergangenen Woche erreichten die New Yorker Indizes neue Bestmarken. Der Dow Jones notierte erstmals in der Geschichte über 27.900 und schloss die Woche mit 28.004 Punkten ab. Und auch S&P (3.113 Punkte) und NASDAQ (8.303 Punkte) beendeten die Woche mit neuen Rekordständen. Krisenwährungen wie Gold hingegen haben eine Pause in ihrem seit einem Jahr andauernden Aufwärtstrend eingelegt.


Hoffnung im Handelsstreit bringt Anleger in Zugzwang

Positive Signale im Handelsstreit zwischen USA und China heben die Stimmung der Börsianer. Ein erstes Abkommen zur Beilegung des Handelsstreits scheint in Reichweite zu sein.  Man komme in die finale Phase, berichtete Trump-Berater Larry Kudlow am Donnerstagabend. Sollte sich wirklich eine Einigung ergeben, könnte das erhebliche positive Auswirkungen auf die US-Wirtschaft haben, die zuletzt unter der Planungsunsicherheit litt – und neuen Schwung in die gesamte Weltwirtschaft bringen.

Anleger, die sich wegen der andauernden Unsicherheiten bisher mit Investments zurückgehalten haben, müssen nun einsteigen, wenn sie noch am Aufschwung teilhaben wollen. Die Angst etwas zu verpassen (wörtlich „Fear of missing out“, FOMO) hat in den letzten Jahren als Volkskrankheit im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken Bekanntheit erlangt. Ihre psychologische Wirkung ist auch auf den Aktienmarkt nicht zu unterschätzen, stellt sie doch auf einem Grundmotiv des menschlichen Handelns ab: dem Zugehörigkeitsgefühl. Das Phänomen könnte den Markt also noch eine Weile antreiben. Doch wenn Anleger in der Breite wider besseren Wissens in Aktien investieren, einfach nur, um dabei zu sein, steigt die Gefahr einer Blasenbildung. Wenn dann die Preisniveaus zu weit über den fairen Wert steigen, ist die Korrektur nicht mehr weit. Und je länger die Party andauert, umso heftiger wird diese ausfallen.

Börsen laufen besser als die Wirtschaft

In der Tat befindet sich die US-Wirtschaft in einer fragilen Situation. Jüngste US-Wirtschaftsdaten waren alles andere als aussichtsreich. Der Empire-State-Stimmungsindex trübte sich im November überraschend ein, und die US-Industrieproduktion sank im Oktober zum zweiten Mal in Folge. Was derzeit trägt, ist der Einzelhandel. Dessen Umsätze sind im Oktober stärker als erwartet gestiegen. Die amerikanischen Börsen, die von einem Rekordhoch zum Anderen eilen, spiegeln diese Unsicherheit derzeit nicht wider. Sie werden von der Hoffnung getragen.

Kauflaune trotz hoher Bewertung ungebrochen

Viele Experten warnen, dass der amerikanische Aktienmarkt überbewertet ist. Der Buffet Indikator, der die Marktkapitalisierung amerikanischer Unternehmen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung misst, zeigt eine gravierende Überbewertung amerikanischer Aktien. Er notiert aktuell bei 140% und damit nur knapp unter dem Niveau im dritten Quartal 2018, kurz bevor die Börsen abrupt einbrachen. Ab einem Wert von 115% gilt der Markt als überbewertet. Der Index des Börsengurus war ein guter Richtwert für den Einbruch zum Jahresende 2018, doch er zeigt grundsätzlich bereits seit 2016 eine Überbewertung an und niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Korrektur letztendlich erfolgen wird.

Dass die Rallye bald ein Ende haben wird, ist damit aber noch lange nicht gesagt. Sie kann nach unserer Einschätzung durchaus noch eine Weile weitergehen. Doch sie steht auf wackeligen Beinen. Sollte die Wirtschaftsentwicklung weiterhin enttäuschen oder gar der Handelsstreit erneut eskalieren, stünde den Aktienmärkten eine ordentliche Korrektur bevor. Doch der Ausblick auf die kommenden Wahlen und Trumps Bestreben, die Wirtschaft zu beleben, um seine Wiederwahl zu sichern, dürfte die Kauflaune der Investoren vorerst weiter aufrechterhalten.

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